Leseprobe: Die Geschichte von Lisa und Sophie

(…) Noch einmal schien es, dass wir, die Freundinnen, eine Chance hatten. Eine zweite Chance, die ziemlich ungewöhnlich, vor allem aber ausgelassen begann: Als der Regen nachließ, sammelten wir Papierfetzen in Koppkes Nachtlager. Stundenlang rissen wir es schweigend in tausende kleine Stücke. Unmengen dieser Streifen rieselten kurz darauf hinunter in die Straßen. Aber nichts passierte. Ein paar klitzekleine Gestalten blickten hoch, erkannten aber nichts. Niemand blieb stehen und niemand bückte sich nach den Fetzen. Nichts machte die Menschen dort unten noch neugierig. Der Sturm trieb das Papier die Häuserschluchten entlang; von hier oben sah es nach Schnee aus. Wie ein Flockenwirbel, der einen Moment lang die Tristesse der Plattenbauten ins Märchenhafte zog.

Ich musste Sophie das Enttäuschende berichten, so sehr sie mich ungeduldig drängte. Dort unten gab es niemanden, dem unser Spaß auch Spaß gemacht hätte. Nur Koppke lächelte verschmitzt, er hätte am liebsten wohl mitgemacht. Von gegenüber starrte uns Lude, der Fotograf, an. Er hatte seine Kamera aufgebockt. Das Stativ stand breitbeinig, wie er. Er lauerte. Er gierte nach dem einen Foto, das die Sensation bedeutet hätte: Mädchen springt vom Dach. Er hatte längst begriffen, was kurz bevorstand. Allein, um diesem Spanner seine perfide Hoffnung zunichtezumachen, beschwor ich Sophie. Sie grinste versöhnlich und machte mit. Ab dem Moment spielten wir den Tod. Voller Schmerz und Zärtlichkeit. Zwei schräge Vögel am Abgrund der Tiefe.

Sophie zählte das Klicken des Kameraverschlusses Dutzende Meter weiter. Ich sah die Hektik dieses geilen Mannes. Wir erzählten es uns gegenseitig. Ich zog und zerrte an Sophie, ich riss ihr die Kleider herunter, als wäre es der letzte seidene Faden, an dem sie hing. Wir kicherten und zogen mondäne Grimassen. Bis es auch Lude nicht länger verborgen blieb. Wir hatten ihn beschämt. Er war wütend und enttäuscht. Sprachlos nach Luft hechelnd, wie jeder, der um eine Lust betrogen wird.
Dieser Satz, auf Lude gemünzt, brachte Sophie und mich mit einem Schlag näher. Plötzlich wurde aus der spielerischen Umarmung, mit der ich Sophie hielt, für den Bruchteil einer Sekunde gefährlicher Ernst. Wir standen auf der Brüstung. Eng umschlungen. Sophie hatte die Augen geschlossen. Sie roch an mir. Ich starrte sie an. Koppke, hinter uns, hielt den Atem an. Und jetzt, als Lude sich längst enttäuscht abgewandt hatte, als niemand außer Koppke uns noch sah, wankten wir tatsächlich. Wir hätten uns beide hinabstürzen können.

Hätten wir uns nur fallen gelassen.

Ich riss Sophie zurück, als ich begriff, sie hatte mich in der Gewalt. Dass ich ihr gehörte. In diesem Moment hatte ich Marc, meine Eltern und alles andere in meinem Leben vergessen. Sophie war meine Freundin. Wir schworen uns, uns ein Leben lang nicht aus dem Weg zu gehen. Wir waren pathetischer als je zuvor. Es war ein Neubeginn. Zum ersten Mal nach langer Zeit konnten wir beide uns wieder wirklich umarmen, ohne peinlich berührt zu sein. Ohne meine Angst, Sophie könnte sich an mich klammern. Ich begann, sie allen Ernstes auf ein Leben da unten vorzubereiten. Ich sagte es Sophie auch noch. Ich wollte etwas aus ihr machen. Aus dieser kleinen, grauen Maus. Ihr das Gefühl geben, sich selbst wahrzunehmen, ohne sich sehen zu müssen. Zu begreifen, dass andere sie trotz allem immer und in jeder Situation sehen würden, denen es nicht egal war, wie sie aussah, wie schlampig, wie zottelig, wie träge sie schien.

Also übten wir Anmache, vor allem die der Kerle. Ich fing sogar an, Sophie mit meiner kleinen Nagelschere die Haare zu schneiden. Bis der Wind uns verzweifeln ließ und sie, wie ein gerupftes Huhn, wütend übers Dach stolperte. Aber auch das versuchte ich ihr noch gut zu reden. Sie zweifelte und ich begriff, dass Sophie nicht alles beizubringen wäre, nur, weil ich wieder mal die Überlegene sein wollte. Sophie gab mir Kante. Wir balgten miteinander und zerrten uns gegenseitig wie wild an unseren Haaren. Lachend. Und lachend drohte sie, auch mir die Haare zu schneiden. Nachts und heimlich. Sie war in den wenigen Stunden anders geworden, jetzt konnte sie widersprechen. Wir rollten übers Dach, wir sprangen. Wir kletterten über Absperrungen und Lüfter, über Rohrleitungen und Bauschutt. Ich half Sophie. Das Dach gehörte uns. Wir merkten nicht, den alten Koppke dadurch zu verdrängen. Bis er sich auf den Weg nach unten machte. Schnorren. Als ob Koppke je an einem Mittwoch geschnorrt hätte. Aber er nickte mir vertrauensvoll zu und verschwand. Die Sache zwischen Sophie und mir schien ihm geschafft. Ich sah Koppke nie wieder.

Wir ahnten nicht, dass Lude, enttäuscht und noch immer gierig auf eine Story, die Bullen hätte rufen können. Dass wir nicht mehr alleine waren. Wir waren ein öffentliches Ereignis. Wir waren beschämend.
Sophie hörte die Sirenen. Und doch war diesmal ich es, die – früher als sie – die Gefahr erkannte, denn ich sah die gequetschten Leiber der Frauen und Männer, die sich schweigend an den Fenstern gegenüber um die besten Plätze drängelten. Sie starrten zu uns herüber. Sie hätten uns lieber jetzt, als später, springen sehen – lieber beide, als nur Sophie. Diese gaffenden Fratzen gab es lange bevor die erste Sirene zu hören war.

Eilig packten wir unsere Sachen. Ich war verwirrt, ich wollte entwischen, bevor die Bullen hier herauf stürmten und uns am Arsch haben würden. Nur Sophie schien unbekümmert. Sie lächelte sogar, entrückt. Sie ließ mich wirbeln und stand nervend im Weg. Sie lauschte. Noch einmal maß sie mit Schritten das Dach aus. Seelenruhig und laut zählend. Ich konnte zerren, wie ich wollte. Sie ignorierte mich. Mich, die beste Freundin, schien es nicht mehr zu geben. Was war passiert, was hatte innerhalb von Minuten sie so sehr verändert, so teilnahmslos werden lassen? Die Aussicht auf ein Ende? Als Sophie fertig war, grinste sie mich an. Noch immer sei alles wie immer, der Abgrund keinen Schritt weiter.

So sinnig in Worten kannte ich Sophie nicht. Sie tastete nach mir, wir umarmten uns. Ich wusste, wir mussten weg. Wir hatten auf diesem Dach nichts mehr verloren. Würden die Bullen kommen, würden sie Fragen stellen. Und Sophie, in die Enge getrieben, würde schweigen. Sie misstraute allem, was sie nicht kannte. Die aber würden Sophie mit Gewalt wegsperren, um sie vor ihrem eigenen Sprung in den Tod zu retten. Wie aber sollte ich ihr dann noch helfen. Sophie schien überzeugt. Sie wusste, ich würde ihr heraushelfen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich ihr, mehr als mir jetzt noch lieb war, anzubieten. So lachte ich resignierend, aber nicht wirklich verbittert. Ich hatte Respekt vor ihr. Sie war eine Freundin, die sich einbrennen konnte. Eine wie Sophie, wurde man nicht so einfach los. Sie lächelte und schwieg. In diesem Moment hatte sie gewonnen.

Wir rafften unsere Sachen zusammen, als galt es, Spuren zu verwischen. Was wir nicht brauchten, warfen wir über die Dachkante. Dort stehend, entledigten wir uns der Reliquien unseres heimlichen Ortes. All der wertlosen, albernen Erinnerungen, die nie etwas sagten über das, was wirklich geschehen war: ein geschnitzter Löffel, eine mit Wachs überzogene Rotweinflasche – die erste, die wir gemeinsam getrunken hatten und nach der wir besoffen und schamlos hinunter in die Straßen gegrölt hatten.

Ich zog Sophie heran, klemmte ihr Schlafsack und Windlicht, Nylonseil und Kochgeschirr unter die Arme und schob sie zum Treppenaufgang. Noch einmal blieb sie stehen, sie lauschte, bis ich ungeduldig drängte. Nirgends wäre die Welt so klar, wie hier oben, nirgends die Geräusche so deutlich getrennt zu ihren Füßen und also das Geschehen für sie überschaubar.
Wir rannten treppab, hinunter zum Fahrstuhl. Ich zog Sophie hinter mir her. Sie stolperte. Schon waren Stimmen und Stiefelgetrappel zu hören. Polizei hetzte herauf. Wir waren zu spät. Wir duckten uns in eine Nische. Die Lifttür flog auf. Ein Beamter stolperte heraus, dreißig Jahre alt und in schlabberig ausgebeulter Uniform. Das jedenfalls, Sophie, waren nicht die Kerle, die ich meinte. Wie gut, dass du das nicht sehen musst. Ich flüsterte und zog sie weiter. Vergebens, über die Treppe rannte eine Polizistin heran und versperrte uns den Weg. In einem Zwischengeschoss fanden wir Platz. Wir tasteten durchs Dunkle. Endlich war auch ich blind, wie Sophie. Plötzlich wandte sie sich gegen mich. Sie schrie mich an, machte mir Vorwürfe. Ich hätte es so gewollt. Ich hätte sie kommen sehen. Ich hätte sie in die Hände der Bullen treiben wollen.
Warum? Schrie ich zurück. Warum eine Freundin? Wo ich sie doch abgehalten hatte, sich dreißig Meter in die Tiefe zu stürzen? Sophie wich aus, sie irrte voller Zorn durch das nur spärlich beleuchtete Technikgeschoss. Immer wieder knallte sie gegen Lüftungsrohre und Sperrwände. Sie war fremd an diesem Ort. Sie hetzte tastend vorwärts und verzweifelte immer mehr. Sie war in einem Irrgarten gefangen. Nur ich hätte ihr heraushelfen können, aber sie entriss sich mir energisch. Bis ich begriff, für sie auf die Seite der Bullen geraten zu sein. Noch immer ahnte ich nicht, warum. Dass sie ihren Vater getötet hatte.
Erst Marc offenbarte es mir. Er entdeckte uns, begleitet von einem Uniformierten, im Lichtkegel einer Stablampe. Er war es, der unseren vertrauten Ort verraten hatte. Nach Sophie wurde tatsächlich gefahndet: nach meiner blinden, unscheinbaren, zögerlichen Freundin Sophie, die ich all die Jahre für hilflos hielt.
Eilig schob ich sie eine Sprossenleiter hinauf, von der wir wussten, dass sie mitten in unserem Dachlager endet, denn ihre Abdeckung hatte uns immer als Tisch gedient. Sophie hangelte hinauf. Ich staunte über ihre unbändige Kraft. Der Beamte setzte ihr nach und hämmerte vergeblich gegen die verriegelte Abdeckung.
Marc triumphierte – auch das nicht ohne die gewohnte Häme – Sophie habe im Streit ihren Vater erschlagen. Ich wollte ihm nicht glauben. Vor allem nicht seinem Grinsen.
Wir stürzten die Treppe hinauf aufs Dach. Sophie kam auch gut ohne mich klar. Sie hatte sich auf alles vorbereitet. Nun begriff ich. Wieder und wieder hatte sie das Dach ahnungsvoll ausgemessen. Jetzt brauchte sie einfach nur loszurennen. Eine halbe Fußlänge vorm Rand des Daches stoppte sie. Als ich Sekunden später oben eintraf, schien alles beängstigend ruhig. Sophie stand mit den Fußspitzen am Dachrand. Sie verlangte nach mir. Sie drohte, zu springen. Sie schob sich langsam weiter. Die Beamten hielten sich in respektvollem Abstand. Ein Streifenführer forderte leise über Funk die Feuerwehr an. Er winkte seine drei Kollegen vor. Auf Zehenspitzen näherten sie sich Sophie. Sie konnten nicht wissen, dass Sophie sie hören würde. Sie schrie.

Eine Frau kam auf mich zu: Marina von Belkow, stellte sie sich nuschelnd vor. In einem grauem Kostüm, in dem sie älter und verbraucht wirkte. Dazu wallende Haare und mondäne Erscheinung, aber irgendwie unbedarft. Träge. Eine Frau, die sich powern musste, um wahrnehmbar zu bleiben. Sie versuchte es mit derbem Aktionismus. Sie war Psychologin, spezialisiert auf solche Fälle. Sie hämmerte mir ihre Erfahrung in den Kopf. Sie wollte, dass ich ihr vertraute. Sie war laut und unangenehm. Ich stand, lauschte ihren Lehrbuchweisheiten, starrte auf die regungslos verharrende Sophie und bemerkte überraschend die Blicke Marcs. Der stand und starrte mit offenem Mund auf jene Marina von Belkow. Ausgerechnet mein Marc. Das war so ein Moment, in dem man begreift, dass Zeit nicht einfach anzuhalten ist. Da spielt meine beste Freundin mit dem Tod und ganz nebenbei spielt mein Freund Marc mit anderen Frauen. Ich war wütend auf ihn, hatte aber keine Zeit. Sophie saß und wartete. Sie wollte mich sprechen.
Die Instruktionen der Frau von Belkow nahm ich stumm zur Kenntnis. Die Belkow stellte es mir frei. Man wisse von der Gefahr, Sophie könne auch mich in die Tiefe ziehen. Sie könne sich an mich klammern und verkrampfen. Wir würden das Gleichgewicht verlieren. Oder sie könne wollen, dass ich ihr Schicksal teile. Nicht in einem Zustand des Schocks, sondern in vollster Absicht.
Ich hatte Angst, Sophie könnte mich doch noch zu dem zwingen, was ich ihr verwehrt hatte. Weil ich Freundschaft nicht im Tod suchte. Ich sagte es der Belkow, ich hatte Sophie vor diesem Sprung gerettet, bis sie und ihre Männer aufgetaucht seien. Wären sie geblieben, wo sie waren, Sophie wäre längst in Sicherheit. Die Belkow hörte weg. Sie kalkulierte längst wohl ihr eigenes Risiko, mich zu opfern.
Marc hielt mich zurück. Er wollte mich nicht an Sophie verlieren. Aber er hatte bloß noch Schiss. Für ein paar kurze Sätze keiften wir uns an. Sie reichten, unsere Beziehung zu beenden. Er wollte mich nur sorglos. Er wollte sich vor allem nicht in den Dreck ziehen lassen. Nicht Schuld sein an irgendeinem Tod, auch nicht vor die Entscheidung gestellt sein, zu helfen oder sich zu verweigern. Am liebsten hätte er sich verkrochen. Er zerrte wirklich an meiner Hand. Sollten wir doch gehen, als sei nichts passiert, als stünde Sophie nicht am Abgrund. Er ignorierte, was war. Ich riss mich los und ließ ihn wortlos stehen. Für immer.
Ich schlich mich an Sophie heran. Als ich bei ihr war, spürte ich, wie sehr sie zitterte. Ich sang ein altes Lied ihres Vaters, sie stimmte ein. Bis ich merkte, wie albern das war. Wie kitschig, weil genau vor uns die Sonne unterging. Purpur. Ich sagte es Sophie. Sie verstummte. Sie zögerte. Leise erzählte sie vom Tod ihres Vaters. Vom Streit, als Besuch kam, unangemeldet, wichtig, Karriere fördernd. Sophie wollte nicht länger, was sie in solchen Momenten jahrelang musste: sich in ihrem Zimmer verkriechen.
Als sie unten im Haus die klickenden Blitze des Fotoreporters hörte, schlich Sophie hinab und damit mitten in jene Fotoszene hinein. Auch mitten ins Hochglanzleben ihres Vaters zurück. Das Foto war unwiderlegbar. Der Vater war außer sich, er zerrte, prügelte, schleppte Sophie zurück auf ihr Zimmer. Aber er unterschätzte die Kraft der älter gewordenen Tochter. Im Handgemenge griff sie, was sie greifen konnte. Mit einer Lampe schlug sie zu. Ihr kleiner Bruder, entsetzt über den zu Boden stürzenden Vater, half Sophie aus dem Haus.

Lisa steht lange schweigend, bis Sophie ungeduldig nach ihr fühlt.

Hinter den Fenstern gegenüber drängten sich noch immer die Gaffer der Zeitungsredaktionen. Auf dem Dach stand Lude, der Fotograf. Er schien auf uns zu zielen. Ein riesiges Monster von Objektiv war auf uns gerichtet. Ein Moloch. Ich erzählte es Sophie. Aber sie fragte nach dem Fensterputzer. Ich stutzte. Ich hatte all die Stunden hier oben nichts von ihrem Interesse an diesem Mann bemerkt. Sicher, sie hatte mich gefragt, sie hatte auch aufmerksam gelauscht, als ich ihn beschrieb. Wir hatten über ihn gesprochen, seinen metallisch glänzenden Körper, seine gepiercten Ohren und die Nase. Der Ring in der Lippe. Aber all das hatte ich nur am Rande erwähnt. Beiläufig. Dieser Mann war nie mehr, als ein geiler Spanner auf einer schwankenden Arbeitsbühne. So, wie er auch jetzt noch stand und wohl noch Jahre stehen würde, ehe er die riesigen Glasflächen durchgerubbelt haben würde. Der Fensterputzer starrte zu uns herüber. Sophie lachte. Ob er wohl Tattoos auf seinem Körper hätte? Alle Männer, die Ringe trügen, hätten auch Tattoos. Sophie wollte es ihnen gleich tun. Sich irgendwann piercen und Tattoos stechen lassen. Ich verstand nicht, wie sie, die für ihr Leben verletzt war durch ihre Blindheit, sich selbst und ihren Körper verletzen wollte. Nur, um sich ein Abbild einzubrennen. Das wäre es ja eben, sagte Sophie: sich die Welt einbrennen. Spüren, was du nicht sehen kannst. Ich umarmte sie. Wann würde ich sie je verstehen?

Hinter uns rückten fast lautlos die Polizisten näher. Schritt für Schritt. Sophie hörte sie dennoch. Sie kommen, flüsterte sie mir ins Ohr. Ich hielt sie noch immer umarmt. Ja, sie werden uns holen. Wir lachten konspirativ, wie nach einem gemeinsam durchstandenen Streich. Als hätte man uns entdeckt. Wir flüsterten uns zu, wir amüsierten uns. Wir spielten die Märtyrer. Kein Ausweg mehr?

Kein Ausweg mehr.

Ich hatte noch immer nicht begriffen, dass es trotz ihres Lächelns kein Spiel war. Ich zog Sophie langsam von der Dachkante weg, auf die Beamten zu. Es schien geschafft. Wir waren erleichtert und also waren wir unvorsichtig. Plötzlich riss Sophie sich los, schlug einen Haken und rannte los. Sie brauchte nur wenige Schritte. Mit einem unterdrückten Schrei verschwand sie in der Tiefe. Das Letzte was ich sah, waren die nachdrängenden Blicke der Gaffer gegenüber. Ihre entsetzten Gesichter hinter den klimadichten Scheiben. Stumm.
Derbe Beamtenhände rissen mich weg. Ich zerrte, um ihnen zu entkommen und schaffte es, sicher umklammert, bis an den Rand des Daches. Ich wagte einen Blick nach unten. Dann schloss ich die Augen.

Weißt du noch, Sophie. Hier, auf diesem Dach, mitten in dieser Stadt, haben wir unendliche Nächte verbracht. Wir haben in uns reingekichert aus purer Schadenfreude. Wir haben uns vorgestellt, wie uns unsere Eltern dort unten im Gewühl der Straßen suchen würden. Wir waren allein mit uns. Wir hätten es den Rest des Lebens so allein ausgehalten. So, so war unsere Freundschaft. Wir waren Kinder. Bis damals, bis zu jenem letzten Nachmittag auf diesem Dach, damals vor zehn Jahren.

Plötzlich hörte ich das Summen von Bienen und Wespen. Sie schwirrten, aber mir dröhnte der Kopf. Ich blickte hinab. Mir schien, als lag Sophie noch immer dort, so klein und so weit unten. Kaum, dass ich sie sah.

Ich habe sie geliebt. Sie hat mich geliebt. Sie war meine beste Freundin. Sie hieß Sophie.
aus: Mein Sommer mit Marleen (Erzählungen, 2007)

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