(…) So braucht auch das wohl Jahre es zu begreifen: dass jene Überlegenheit, gespeist aus der zeitlichen Bedingtheit früherer Geburt – älter, größer, erfahrener zu sein – nicht ewig gilt. Dass in einem spitzen Winkel aufeinander zuläuft, was einen in jungen Jahren trennt. Dass die Distanz, auf die uns unsere verschiedenen Lebensalter gegenseitig halten schmilzt, je älter wir werden.
Und vor allem: dass eben jener Freiraum an Lebensjahren zwischen jung und alt sich auffüllt mit allem, was wir ein Leben lang horten: Erfahrungen, Erlebnissen, Wissen, Träumen, Enttäuschungen. So aufgefüllt aber wird der Graben zwischen den Jahren, zwischen Jung und Alt, begehbar. Der Ältere ist nicht mehr der Stärkere, nur weil er älter ist. Der Jüngere nicht mehr der Schwächere. Das begreifend, hätten wir die Chance schnell zahm zu werden und das uns selbst Machbare zu sehen. Sehen, was wir können und was wir wollen. (…)
aus: Im Nullpunkt, erschienen in „Mein Sommer mit Marleen“ (Erzählungen von Dietmar Haiduk)